Bundesentscheid - großer Sport und große Entäuschungen

 

ich bin immer noch ziemlich sprachlos und wütend, angesichts dessen was in Hürth beim Bundesentscheid der Jungen und Mädchen mit unseren Ruderern vorgefallen ist.

Wir sind mit Sebastian Kirschner und Alexander Türsan im Leichtgewichts-Jungen Doppelzweier Jg 96 und Dominik Türsan im Jungen Einer Jg 96 nach Hürth gefahren, um uns dort dem Vergleich mit den besten Ruderern aller Bundesländer zu messen.

Dafür haben sich die drei Neptuner sehr intensiv vorbereitet und sich sogar von den letzten Schultagen befreien lassen um teilweise 2 Trainingseinheiten am Tag absolvieren zu können.
Bei Ankunft in Hürth am letzten Donnerstag, kamen uns schon Boote, voll mit Algenbesatz an den Rümpfen entgegen. Trainerkollegen waren sehr verärgert angesichts der Zustände auf dem Wasser. Der Otto-Maigler-See hat seit einigen Jahren regelmäßig zur Sommerzeit ein Problem mit Algenbewuchs. Die Bemühungen die Algen abzumähen, waren nur teilweise erfolgreich, weshalb die Regattaleitung auch kurzfristig die Streckenführung und Wendemanöver änderte.

Am Freitag morgen stand die Langstrecke über 3000m auf dem Programm.
Auf dem See waren noch immer große Algenteppiche zu sehen, die teilweise bis in die Bahnen hinein reichten.
Unser leichter Doppelzweier startete zuerst. Die ersten 1000m bis zur Wende liefen erwartungsgemäß gut. Der Rythmus und Zuglänge stimmten und das Boot lief wie am Schnürchen. Nach der Wende passierte es dann. Kurz nach Wiederaufnahme der vollen Schlaglänge, verfing sich Tang im Schwert unseres Bootes. Zunächst noch unbemerkt, wuchs die Zuglast und das Boot wurde langsamer. Trotz größter Anstrengungen gelang es unseren beiden nicht den Tang loszuwerden und so ruderten sie unter größter Anstrengung die verbleibende Strecke von ca. 1900m bis zum Ziel. Dort holten sie den Tangbüschel hervor und zeigten ihn dort liegenden Betreuern. Ein Schiedsrichter war ja nicht zu sehen.
Mit einer Zeit von 13:45 Min fuhren sie die bis dahin langsamste Zeit die sie je gefahren sind und landeten auf dem 21. Platz von 26 Booten.
Zum Vergleich - Der Hanauer Doppelzweier, den unsere Beiden beim Landesentscheid in Kassel drei Wochen vorher noch 20 Sekunden hinter sich gelassen hatten, war 55 Sekunden schneller unterwegs. Also eine Differenz von 1:15 Minuten!!

Beide waren wütend und maßlos enttäuscht über dieses Pech.
Ich ging daraufhin sofort zum Leiter der Hessischen Ruderjugend um Protest einzulegen.
Wir wollten eine zweite Chance haben um eine reelle Zeit fahren zu können.
Der Einspruch wurde mit der Begründung abgelehnt, man könne naturbedingte Umstände nicht beeinflussen.
Das ist die einfachste Begründung die man geben kann. Tatsache ist, daß aus dem Versäumnis die Strecke gründlich zu räumen und damit faire Bedingungen für alle zu schaffen, unserer Mannschaft ein Schaden entstanden ist.
Und nicht nur unserer Mannschaft. Der Trainer aus Mainz berichtete ebenfalls von Tangbüscheln an Schwert und Skulls genauso, wie der Trainer des Hamburger leichten Doppelzweiers, der bis dahin alle Boote aus dem Norden und Osten geschlagen hatte und mit dem wir uns als bestes "Südboot" im A-Finale vergleichen wollten.

Auch sie wurden stark durch Tang gebremst, weshalb sie auch nur den 17. Rang einnahmen.
Auf Nachfrage bei den Verantworlichen, die unseren Protest entgegen genommen haben, was man hätte tun sollen um faire Bedingungen zu erhalten, kam die Aussage, "die hätten ja stoppen, gegenstreichen und sich so vom Tang befreien können". Eine solche Aussage bei einer Regatta zu hören, die in der Qualität einer Deutschen Meisterschaft nahe kommt, hätte ich nie erwartet. Im Rennen zu stoppen, gehörte bis dato nicht zu den taktischen Finessen um ein Rennen siegreich abschließen zu können. Man fühlte sich und seine Bemühungen guten Sport zu bieten, doch ziemlich übergangen und wenig respektiert.
Aber ändern konnten wir leider nichts mehr.
 
Dominik hatte in seinem Einer mehr Glück und hatte nur eine kurze Algenbegegnung kurz vor Ende der 3000m Strecke. In seiner Abteilung belegte er nur knapp hinter dem Ersten einen guten 2. Platz.
Er konnte sich im 25 Boote-Feld auf den hervorragenden 6.Platz schieben und sich damit díe Teilnahme im A-Finale sichern.
Am Samstag wurde wieder viel Zeit und Energie beim Zusatzwettbewerb vertrödelt, der nur bei der Länderwertung ein Rolle spielt. Für diese Wertung zählt die Langstrecke 50%, Zusatzwettbewerb 25% und die Bundesregatta 25%.
 

Sonntag - Bundesregatta-Tag
Hier wollten wir besonders im Leichgewichts Doppelzweier allen zeigen, welche Qualität unser Boot in Wahrheit hat und das unsere Zeit im D-Finale schneller sein würde als die des A-Finals.
Durch Zufall kam das Hamburger Boot ebenfalls in das D-Finale und so konnte wenigstens auf diese Weise das Duell ausgefahren werden.
Doch zuerst startete Dominik im A-Finale des Jungen Einer. Aufgrund seiner 6. Gesamtplatzierung bekam er eine Aussenbahn zugewiesen. Er startete auf Bahn 6, der Seemitte zugewand. Eigentlich eine gute Bahn, verglichen mit der landseitigen Bahn 1.
Er legte sich vom Start weg mächtig ins Zeug und lag bei 600m im Bord an Bord Kampf um Platz 2. Bei 700m bekam er heftige Wellen eines zum Start fahrenden Schiedsrichterbootes. Auf dem Video, den Silke gemacht hat, kann man gut sehen, wie Dominiks Boot durch die Wellen tanzt und hin- und hergeworfen wird. So fiel er dann auf den 5. Platz zurück. Zum Glück war nach diesem Vorfall der betreffende Bootfahrer nicht in der Nähe. Dominik hätte ihn in seiner enttäuschten Wut sicher an Ort und Stelle filetiert.
Trotzdem bleibt ein hervorragendes Resultat mit dem 5 Platz beim Endlauf des Bundesentscheids, der "Quasi-Deutschen Meisterschaft" der Jungen und Mädchen.
 
Dann das Rennen um den Platz des besten leichten Doppelzweiers.

Durch die schlechte Langstreckenplatzierung kam unser Boot auf Bahn 1 und das Hamburger Boot, als Laufschnellster, in die Mittelbahn.
Es wurde zum Rennen von zwei Booten. Darmstadt und Hamburg.
Die Hamburger legten sich nach dem Start leicht in Führung. Unser Boot strengte sich mächtig an an ihnen vorbei zu ziehen, aber die Hamburger konterten. Im Ziel war es dann eine dreiviertel Bootslänge, die das Hamburger Boot in Front lag.
Wir gratulierten den Siegern am Steg fair mit Handschlag und tauschten Komplimente über die jeweils gegnerische Mannschaft aus.
Dann blieb nur noch das Warten auf die Besten-Bestätigung durch die gefahrene Zeit.
Große Verwunderung und Bestürzung als die Zeit bekannt wurde. Unsere Boote sollen mit 4:36Min und 4:38Min das Rennen beendet haben und nur 2 weitere Sekunden vor dem 3. liegen. Das ist der größte Betrug den ich jemals im Rudern erlebt habe.
Zieht man 1 Minute ab, wird eine korrkte Zeit daraus. Im Taining haben wir schon eine 3:37 Min gefahren.
Natürlich versuchte ich die Regattaleitung zur Überprüfung des Ergebnisses anzuregen.
Zuerst hieß es "Computerfehler" Korrektur wird erfolgen.
Aber als sich nach 2 Stunden noch nichts geändert hatte, ging ich nochmals zur Leitung. Dort gab man jetzt eine andere Version zum Besten. Es hätte keinen Impuls vom Start gegeben und die Zeiten wären daher "verschoben" aber die Abstände seien ja korrekt wiedergegeben und blablabla. Auf dem Video von Silke ist nach unserem Boot gähnende Leere auf dem See - von wegen 2 Sekunden Abstand zum 3.
 
Also bleibt ein 2.Patz im D-Finale, weshalb auch alle Darmstädter Teilnehmer mit einer Medaille heimkehren.
Allerdings wird sie diese Medaille nur an unfaire Bedingungen, Ignoranz und Demütigung durch falsche Zeitangabe erinnern. Das ist sehr sehr Schade, wenn man an die Leidenschaft und Leidensfähigkeit bei den Vorbereitungen denkt.

 

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